4. Die Familienchronik

Die Chronik der Familiengeschichte 1427-2016 führt Günther Schoppenhauer, geb. in Elbing, Deutschland.

Günther Schoppenhauer - Bild mdr QuickieZum Nachdenken sind die folgenden Zeilen bestimmt: Ich finde sie so gut und nachdenkenswert, sie stammen aber nicht von mir – dass ich sie aber doch in den Blick unserer Familienmitglieder reichen möchte. Wenn wir die Zeilen mit etwas Ruhe gelesen haben, möchte ich etwas fragen: Warum machen wir uns die Mühe mit der Erstellung einer Chronik – ist das noch zeitgemäß? Natürlich werden wir diese Frage bejahen müssen, weil in der heutigen schnelllebigen Zeit bestimmte Werte verloren gehen. Denken wir daran. Das Leben schreibt Geschichte, aber sie muss erst aufgespürt werden, damit man sie würdigen kann. Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien. Mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit. Mehr Wissen, aber weniger Urteilsvermögen. Mehr Experten, aber größere Probleme. Wir rauchen und trinken zuviel, lachen zuwenig, fahren zu schnell, regen uns zu schnell zuviel auf, stehen zu müde auf, lesen zu wenig, sehen zuviel fern, beten zu selten. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir wissen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht mehr, wie man lebt. Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber nicht den Jahren Leben. Wir kommen zum Mond, aber nicht mehr an die Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir können Atome spalten, aber nicht unsere Vorurteile. Es ist die Zeit, in der es wichtiger ist, etwas im Schaufenster zu haben, statt im Laden. Wo moderne Technik einen Text wie diesen in Windeseile in die Welt tragen kann. Und wo wir die Wahl haben: Das Leben ändern-oder den Text löschen. Wissen hat heute ein relativ kurzes Verfalldatum, wenn es nicht ständig aufgefrischt wird.Denken wir daran: Das Leben ist das,was passiert, wenn wir mit anderen Dingen beschäftigt sind.

Wie soll ich beginnen? Es war im Anfang der 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts, als ich meine ersten jugendlichen Nachforschungen endlich intensiver nachging.

Eine Chronik der Familie zu erstellen bedeutet, die Vergangenheit zu ergründen.Dieser Satz macht deutlich, dass Kenntnis der Familiengeschichte ein besseres Verstehen bewirkt.Das gilt für die Kenntnis der Weltgeschichte, wie für die Familiengeschichte. Wer sein Haus nur nachdem Zeitwert taxiert, wird es dem Verfall und schließlich dem Abriß preisgeben. Wer aber die Geschichte des Hauses kennt, wird sorgfältiger prüfen. So wird Wissen von der Vergangenheit zum Wissen vom Wert der Dinge und stellt Beziehungen zur Familiengeschichte her.

Ein Buch schreiben heißt, sich die Vergangenheit vom Hals schaffen, sagte ein großer Klasssiker. Eine Chronik der Familie zu erstellen, bedeutet die Vergangenheit zu ergründen. Das Leben schreibt Geschichte, aber sie muß erst aufgespürt werden, damit man die würdigen kann, aber sie muß erst kennengelernt werden. Geschichte aufschreiben ist eine Forschungsarbeit, erfordert sehr viel Zeit und Geduld, lange Wege und oft auch hohe Kosten, wenn man Kopien von den einzelnen Originalen anfertigen läßt oder eigens dafür Bücher kaufen muß. Familiengeschichte beginnt dort, wo die Kinder ihre Eltern fragen wie es war, als sie noch Kinder waren. Und Familienforschung beginnt dort, wo man das von den Eltern oder Großeltern Gehöhrte aufschreibt, Familienbilder sammelt, Briefe aufhebt und durchsieht, was sie über die Vorfahren berichten. Die eigene Herkunft ist also ein verlockendes Forschungsgebiet.

Ich möchte einige allgemeine Bemerkungen über Ahnenforschung vorwegschicken. Hauptaufgabe der Familienforschung oder der Genealogie ist für die Vererbungswissenschaft soweit sich diese mit den Menschen beschäftigt, den Stoff herbeizuschaffen. Dieser Aufgabe wird aber die Familienforschung in der heutigen Form nicht gerecht. Ein namhafter Familienforscher hat darauf hingewisen, daß es wenig zur Erkenntnis einer bestimmten Persönlichkeit beiträgt, wenn man sehr weit zurückliegende Ahnenreihen erforscht. Er schreibt: Auf die Erforschung entfernter Vorfahren viel Zeit und Mühe zu verwenden, wie es in der historischen Genealogie üblich ist, lohnt sich für den Erblichkeitsforscher meist nicht. Die Kenntnis der Beschaffenheit von Nachkommen ist nicht weniger wertvoll als die Vorfahren, und dasselbe gilt auch von Verwandten in Seitenlinien. Mit jedem seiner Kinder hat der Mensch im Durchschnitt ebensoviel seiner Erbmasse gemeinsam wie mit einem seiner Eltern, mit dem Vater ebensoviel wie mit dem Urgroßvater; und da man über Lebende natürlich viel leichter etwas Sicheres feststellen kann als über Verstorbene, so ist die Erforschung der Seitenverwandtschaft sogar wichtiger, als die vollständige Erforschung der Vorfahren – für die meisten Zwecke genügt es, wenn die Verwandtschaft bis zu den Großeltern und deren Nachkommen erforscht wird; die Kenntnis der Beschaffenheit der Vettern und Nichten kann sehr wertvoll sein. Ganz besonders wichtig ist die Kenntnis der Geschwister. Es kann noch dazu bemerkt werden, daß man mit den entfernten Ahnen sehr wenig Erbmasse hat, da die Zahl der theoretischen Ahnen in höheren Generationen ins Ungemessene anwächst. Der Mensch hat in der 10. Ahnenreihe 1024, in der 20. Ahnenreihe über eine Millionen, in der 30. Ahnenreihe über eine Milliarde und in der 40. Ahnenreihe über eine Billionen theoretischer Ahnen. Die 40. Ahnenreihe aber liegt bei einem Generationsabstand von 30 Jahren nur 1200 Jahre zurück. Es ist außerdem möglich, daß man mit einem Ahnen dieser oder einer noch näheren Ahnenreihe im naturwissenschaftlichen Sinn, d.h. in Wirklichkeit überhaupt nicht verwandt ist. In den früheren Jahrhunderten war eine standesamtliche Beurkundung nicht gegeben. Diese Fragen wurden sehr leicht genommen, in einigen Fällen war eine Eintragung in den Kichenbüchern durch den Geistlichen ganz unterlassen worden, da außerdem sehr oft Menschen mit gleichen Namen und Vornamen ohne näheren Zusatz auftraten, auch das Alter des Verstorbenen nicht genau bekannt war (manchmal den Betroffenen selbst nicht), so ist in vielen Fällen eine sichere Feststellung nicht möglich. Man muß sich in diesen Fällen vielmehr mit einer mehr oder minder großen Wahr- scheinlichkeit begnügen. Unterläuft aber im konkreten Fall ein Irrtum (der nur zu häufig ist), so ist natürlich alles darüber Stehende falsch. D.h. nicht nur der konkrete Ahne, sondern auch alle Vorfah- ren dieses Ahnen sind dann unrichtig gebucht. Von den absichtlichen Täuschungen bei der Aufstellung von Ahnentafeln, die in früheren Zeiten gar nicht selten waren (und auch heute noch vorkommen) soll hier gar nicht gesprochen werden. Auch sei noch ein Punkt erwähnt, an den in den seltesten Fällen gedacht wird. Man darf nicht glauben, daß die Kirchenbucheinträge in allen Fällen mit der wirklichen Abstammung übereinstimmen. Eine Vaterschaft ist nie ganz sicher, besonders nicht in Kriegszeiten früherer Jahrhunderte oder in sonstigen von Aufregung erfüllter Zeiten, an denen gerade die deutsche Geschichte so überaus reich ist. Man wird hier je nach Zeit und Landschaft mit einem erheblichen Prozentsatz von Eintragungen rechnen müssen, die nicht den Tatsachen entsprechen. In kriegerischen Zeiten wurden außerdem die Kirchenbucheintragungen häufig ganz unterlassen oder nur ganz oberflächlig geführt. Sehr viele Kirchenbücher sind in solchen Zeiten verbrannt oder sonstwie vernichtet worden. Berücksichtigt man alle diese schwerwiegenden Umstände, so ist der einzig richtige Schluß aus ihnen der, daß man die nächstliegenden Ahnenreihen so genau wie irgend möglich erforscht, und das man außerdem die Seitenverwandten, vor allem Geschwister, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, zur Untersuchung heranzieht. Diese Gesichtspunkte sind bei der Ahnentafel Schopenhauer / Schoppenhauer insofern besonders bedeutsam, als wir einerseits von den Verwandten ziemlich viel wissen, und es andererseits nicht möglich ist, eine lange Ahnenreihe aufzustellen, was nach dem Gesagten auch gar nicht nötig ist.

Nicht nur Bäume haben Wurzeln – so lautet der Titel eines 1982 erschienenen Buches. Kritisch unterzogen die Verfasser die Ansprüche und Wünsche, die sie und andere in den Jahren davor gehabt hatten, einer eingehenden Prüfung. Und siehe da, alte, scheinbar vergessene Werte wie Heimat und Tradition erschienen plötzlich wieder im positiven Licht. Die Beschäftigung mit dem Vergangenen muß aus der Perspektive als Hobby angesehen werden und man darf nicht in den Ehrgeiz verfallen, auf adlige Vorfahren oder auf verwandtschaftliche Beziehungen zu irgendwelchen großen Persön- lichkeiten stoßen zu wollen. Das Interesse an Geschichte und Tradition ist aber gewachsen und die sogenannte Nostalgiewelle ist nur die Spitze eines Eisbergs, unter der sich sehr viel ernsthaftes Bemühen um historisches Verständnis verbirgt. Und da Geschichte nicht nur Geschichte von Kaisern, Königen und ihren Reichen, sondern auch von kleinen Territorien, von Städten und Dörfern von Berufsständen und Familien ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch wir versuchen, die Chronik unserer Familien aufzuschreiben. Wenn wir Meier oder Schulze heißen würden, wäre es auch egal, aber dieser Name und die eigentümliche Herkunft und Geschichte des Namens Schoppenhauer oder auch Schopenhauer ist Anlaß dafür. Wichtige Überlieferungen haben wir den akuraten Aufzeichnun- gen und mündlichen Überlieferungen unseres Vaters, Max Albertus Aloysius Schoppenhauer zu verdanken. Seine umfangreiche Korrespondens zu den Familienmitgliedern und den Kirchen war beispielgebend und wichtig für unsere Nachforschungen. Sein geheimer Wunsch war es, daß ein Stammbaum erstellt wird. Somit auch die Bitte an alle Schoppenhauers, dieses Büchlein weiterzu- führen. Die eigenartige Schreibweise mit dem doppel- p- im Namen ist nicht von Bedeutung, da erst im 19.Jahrhundert die gleichmäßige Schreibung von Personen- und Ortsnamen sich herausgebildet hat. Ein Beweis dafür ist das Einlegeblatt aus dem Totenbuch der Stadt Frankfurt am Main, wo der Philosoph Arthur Schopenhauer unter dem Namen Schoppenhauer aufgeführt wurde. In den Jahrhunderten davor werden die gleichen Namen von gleichen Schreibern in einem Schriftstück nachweislich unterschiedlich gebraucht. Es war dann eine Frage des augenblicklichen Zustandes, als die Festschreibung erfolgte, welche Namensschreibung heute für die einzelne Familie gültig ist. Auch wurden erst ab dem 1.10.1874 Personenstandsfälle von den Standesämtern registriert. Vorher waren einzig und allein die Kirchen dafür zuständig. Auf der Suche nach den Namen meiner Großeltern kam nach den persönlichen Befragungen durch Herrn Pastor Immelmann (Jakobikirche zu Stendal in der Altmark) und Herrn Pastor Irrgang zur Sprache, daß im Evangelischem Staatsarchiv in Berlin Unterlagen zu den Schoppenhauers aus Elbing vorhanden seien.